Matthias war ziemlich aufgewühlt. Zusammen mit seinen zwei Brüdern führte er seit kurzem das Familienunternehmen in dritter Generation. „Ich versteh das nicht“, schnaubte er. „Alle reden doch, nicht nur ich!“ Aber seine Brüder und sein Führungsteam hatten ihm etwas ganz anderes vorgeworfen. Er würde ständig unterbrechen, nach zwei Sätzen schon eine Lösung formulieren. Manche hatten gar keine Lust mehr, etwas anzusprechen in seiner Anwesenheit. Und neulich hatte es mal so richtig geknallt.
Der blinde Fleck
Diese Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist gar nicht so selten. Und sie kommt nicht nur in Familienunternehmen vor. Wir alle haben blinde Flecken und denken anders von uns als andere über uns. In der Führung sind diese Diskrepanzen aber besonders wichtig. Du brauchst einen Abgleich zwischen dem Bild, das du von dir selbst hast, und dem, das andere von dir haben. Selbst- und Fremdwahrnehmung können nämlich ganz schön weit auseinanderliegen.
Der blinde Fleck kommt aus der Kommunikationspsychologie
Man beschreibt da ein Modell, das „Johari-Fenster“ genannt wird. Es beschreibt einen Menschen in vier verschiedenen Bereichen:
- Der öffentlichen Person – also all das, was jemand über sich selbst weiß und was auch andere sehen.
- Dem Blinden Fleck – das ist eben das, was andere zwar sehen, was einem selbst aber überhaupt nicht bewusst ist.
- Der Privatperson – das ist all das, was man über sich selbst weiß, aber anderen nicht zeigt.
- Dem Unbekannten – all das, was weder man selbst noch andere über die Person wissen.
Im blinden Fleck wird das Verhalten beschrieben, das schon so lange Teil einer Persönlichkeit ist, dass das im Alltag der Person selbst nicht mehr auffällt.
Kennst du solche Momente auch von dir? Wenn jemand etwas über dich sagt, das so überhaupt nicht zu deinem eigenen Bild von dir passt?
Wir haben die Herkunft dieser Diskrepanz bei Matthias gefunden. Er war es von Kind an gewohnt, reinzureden. Sein Vater war immer sehr stolz auf seinen Ältesten gewesen und hatte ihn in seiner dominanten Art – vermutlich unbewusst – unterstützt. Für Matthias war dieses Verhalten deshalb völlig normal. Er merkte das gar nicht. Aber seine Brüder und sein Team sehr wohl. Und sie zogen sich zurück oder machten ihm Vorwürfe. Für Matthias fühlte sich das aber nach Kompetenz an. Er wusste halt auf alles eine Antwort und er fand das gut. Aber auf andere wirkte das ungeduldig und auch nicht sehr wertschätzend.
Muster im blinden Fleck haben immer Ursachen
Nichts entsteht einfach so ohne Grund. Die Ursachen liegen meist in der Kindheit. Kinder erben mehr als das Sichtbare. Sie erben auch Rollen, die es manchmal sogar schon vor ihnen gab, alte Muster und Verhaltensweisen, die in früherer Generation als „überlebenstauglich“ galten. Und das zeigt sich auch in Familienunternehmen. Wenn wie in unserem Beispiel ein Vater seinen ältesten Sohn von Anfang an für dieses Verhalten belohnt und ihm Aufmerksamkeit geschenkt hat, kann das später eben zum Problem werden. Dafür muss man den Vater nicht verurteilen, er hat vermutlich so gehandelt, weil er unbewusst den ältesten Sohn für die Rolle seines Nachfolgers auserkoren hatte. Und auch dem Sohn kann man hier keinen Vorwurf machen, denn dieses Verhalten wurde von klein auf geprägt und gefestigt.
Das macht es schwierig, jemandem einfach zu sagen: „Hör auf damit, andere ständig zu unterbrechen!“ Dieses Verhalten sitzt so tief im „System“, dass es sich nicht allein aus dem Kopf heraus verändern lässt.
Wir haben zusammen eine gute Methode gefunden
Der Drang, verbal reinzugrätschen, ging bei Matthias einher mit einer ganz bestimmten Körperbewegung: leichtes Vorbeugen des Oberkörpers, Luft holen, die Hand heben, als wenn er sich zu Wort melden wollte, bevor der andere fertig war… Matthias hatte ein gutes Körpergefühl und war in der Lage, seine Körperbewegungen zu beobachten. Sobald ihm die körperlichen Impulse bewusst wurden, konnte er einige Sekunden Pause einbauen, in denen er sich kontrollierte.
Das ist der Kern meiner Arbeit, der mir besonders viel Spaß macht. Andere genau zu beobachten. Denn das Denken kann man steuern, Gefühle und Körperimpulse aber nicht so einfach. Wenn jemand versucht, sein Verhalten allein durch den Willen zu verändern, tut sich schwer. Denn er kämpft gegen ein tief sitzendes Muster an, das sich immer wieder durchzusetzen versucht. Es hat Reflexe gebildet, die so schnell sind, dass die bewusste Absicht dagegen kaum ankommt.
Den Körper kannst du beobachten
Viele Menschen haben ein gutes Körpergefühl. Und bevor ein Reflex abläuft, reagiert auch der Körper schon. Das nenne ich Körperanker. Eine bestimmte Reaktion geht immer mit dem gleichen Körpergefühl einher. Und allein die Beobachtung der körperlichen Reaktionen schafft diese kleine Sekunde Zeit, in der man einen Automatismus erkennen und verändern kann. So wie bei Matthias, der im Grunde nur seine Hand beobachten musste, um zu merken, wann er wieder unterbrechen wollte.
Wie ist das bei dir? Beobachte dich doch einfach mal diese Woche in deinen Gesprächen. Mach jedes Mal, bevor du antwortest, einen bewussten Atemzug. Vielleicht kommt dir in dieser Sekunde noch ein anderer Gedanke, oder dir wird die Gefühlslage deines Gegenübers bewusst. Das kann super spannend sein.
Probier doch mal aus
Spüre, was in deinem Körper passiert kurz bevor du etwas sagen willst. Da gibt es einen Impuls. Vielleicht holst du Luft, vielleicht spannen sich aber auch deine Schultern an. Oder die Hand beginnt sich zu bewegen etc. Wenn du diesen Impuls identifiziert hast, kannst du dich einfach daraufhin beobachten. Das schafft genau dieses Bewusstsein, das du brauchst, wenn du etwas verändern willst.
Natürlich gibt’s auch Situationen, in denen du unterbrechen musst, weil dein Gegenüber dir keine Pause lässt, um einzuhaken. Aber davon sprechen wir ein andermal.
Noch einen Aspekt eines solchen blinden Flecks
Jeder blinde Fleck zieht Reaktionen bei anderen nach sich. In unserem Beispiel ziehen sich die Beteiligten zurück, weil sie genervt sind und sowieso nicht gehört werden. Das bedeutet aber, dass die Sitzungskultur und die Zusammenarbeit sich verändert, dass leise Einwände und andere Aspekte untergehen. Letztendlich wirkt sich ein solcher blinder Fleck auf das Klima im ganzen Unternehmen aus. Er beeinflusst die Entwicklung und den Erfolg, ohne dass das bewusst passiert. Deshalb lohnt es sich tatsächlich sehr, das eigene Verhalten zu hinterfragen und einen Blick von außen zuzulassen.
Ich arbeite gerade intensiv an genau diesem Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild. Im Hintergrund entsteht bei mir gerade etwas Neues – hier kannst du schon mal reinschnuppern.
Bis dahin: Schreib mir gern, wenn dich das Thema beschäftigt. Ich freu mich über jede Mail. Oder schreib mir einen Kommentar!

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