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Warum nicht jedes starke Gefühlaus der Vergangenheit kommt

Gastartikel von Thomas H. Herrmann

Ist das noch von damals oder ist das gerade wirklich so?

Hanne hat in ihrem letzten Blogartikel Emotionaler Trigger im Streit – Emotionales Management“ die schöne Unterscheidung zwischen „Anlass“ und „Ladung“ beschrieben.

Eine Situation geschieht im Hier und Jetzt – und plötzlich reagieren wir stärker, als es der Anlass zunächst erwarten lässt. Vielleicht werden wir wütend, ziehen uns zurück, fühlen uns übergangen oder beginnen sofort, uns zu rechtfertigen. Später stellen wir dann fest: Das kenne ich doch irgendwoher.

Möglicherweise mussten wir früh Verantwortung übernehmen. Vielleicht haben wir gelernt, lieber still zu sein, um keinen Streit auszulösen. Vielleicht mussten wir uns anpassen oder sehr genau beobachten, wie die Stimmung im Raum gerade war.

Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil wir erwachsen werden. Sie können in unseren Beziehungen, bei der Arbeit oder in Konflikten wieder auftauchen.

Doch beim Lesen von Hannes Blogartikel kam mir noch eine andere Frage:

  • Was ist, wenn mein Gefühl gar nicht nur von früher kommt? Vielleicht stimmt ja gerade wirklich etwas nicht.

Nehmen wir noch einmal Jan und Nina aus Hannes Beispiel. Nina sagt zu ihrem Bruder: „Genau wie früher. Du machst das einfach, ohne mich zu fragen.“

Natürlich kann darin eine alte Geschwistergeschichte stecken. Vielleicht fühlte Nina sich schon als Kind von Jan übergangen. Aber vielleicht hat Jan diesmal tatsächlich eine Entscheidung getroffen, ohne Nina ausreichend einzubeziehen.

Dann wäre ihre Reaktion nicht einfach nur „alte Ladung“.

Und genau diese Unterscheidung finde ich wichtig. Denn wenn wir jede starke emotionale Reaktion sofort auf unsere Vergangenheit zurückführen, besteht die Gefahr, dass wir unserer eigenen Wahrnehmung irgendwann nicht mehr trauen.

Dann fragen wir nicht mehr: „Wird hier gerade meine Grenze überschritten?“ Sondern nur noch: „Was stimmt denn schon wieder mit mir nicht?“ Selbstbeobachtung kann dann unbemerkt zu Selbstentwertung werden.

Eine frühere Erfahrung kann dazu führen, dass wir auf bestimmte Situationen besonders stark reagieren. Aber empfindlicher zu sein bedeutet nicht automatisch, falsch wahrzunehmen. Wer beispielsweise häufig erleben musste, dass seine Grenzen nicht respektiert wurden, nimmt möglicherweise sehr früh wahr, wenn jemand beginnt, eine Grenze zu überschreiten.

Das kann eine alte Alarmanlage sein, die zu schnell anspringt. Es kann aber ebenso eine fein gewordene Wahrnehmung sein. Und manchmal ist es vermutlich ein bisschen von beidem. Deshalb finde ich die Frage hilfreicher:

Wie viel davon gehört zu damals – und wie viel geschieht wirklich gerade jetzt?

Inzwischen interessiert mich noch eine weitere Ebene. Nicht alle Muster, die wir in uns tragen, müssen ausschließlich in unserer eigenen Lebensgeschichte entstanden sein.

Familien geben weit mehr weiter als Augenfarbe, Haarfarbe oder die Form einer Nase. Auch Vorstellungen darüber, wie Beziehungen funktionieren, können über Generationen weitergetragen werden.

  • Wer darf widersprechen?
  • Wer sorgt für Frieden?
  • Wer muss stark sein?
  • Über welche Dinge spricht man nicht?
  • Wann darf man Nein sagen?
  • Was bedeutet es, ein „gutes“ Kind, eine „gute“ Mutter oder ein „guter“ Vater zu sein?

Solche Regeln stehen selten irgendwo geschrieben. Trotzdem können sie erstaunlich langlebig sein. Sie werden durch Verhalten, Erziehung, Beziehungserfahrungen, Familiengeschichten und manchmal gerade durch das weitergegeben, worüber niemand spricht.

So kann eine Reaktion im Heute mehrere Wurzeln haben. Eine gehört vielleicht zur aktuellen Situation. Eine andere reicht in meine eigene Kindheit. Und manche führt möglicherweise noch weiter zurück in meine Familiengeschichte.

Wir müssen nicht jede dieser Wurzeln vollständig ausgraben, bevor wir unser Leben weiterleben dürfen. Aber es kann hilfreich sein zu wissen, dass sie existieren.

Für mich liegt die eigentliche Freiheit deshalb nicht darin, keine starken Gefühle mehr zu haben. Sie liegt in dem kleinen Moment zwischen Gefühl und Reaktion. Dort kann ich mir drei Fragen stellen:

  • Was geschieht gerade tatsächlich?
  • Was davon kenne ich aus meiner eigenen Vergangenheit?
  • Und könnte ein Teil dieser Geschichte sogar älter sein als ich selbst?

Manchmal werden wir darauf keine eindeutige Antwort finden. Das müssen wir vielleicht auch gar nicht. Schon die Frage verändert etwas. Aus einem automatischen „So ist es!“ wird ein neugieriges „Was geschieht hier eigentlich gerade?“ Und genau dort entsteht ein wenig mehr Freiheit.

  • Ich muss mein Gefühl nicht wegmachen.
  • Ich muss ihm aber auch nicht blind folgen.
  • Ich kann es ernst nehmen, ihm zuhören und gleichzeitig überprüfen, welche Geschichte es mir gerade erzählt.

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Herzliche Grüße

Thomas Herrmann / Soeng Jin

Thomas H. Herrmann

Thomas H. Herrmann beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Prägungen, Beziehungserfahrungen und familiäre Muster unser Denken und Handeln bestimmen. Seine Perspektive verbindet einen medizinisch-pflegerischen Hintergrund mit über drei Jahrzehnten buddhistischer Praxis. In seinen Texten geht er der Frage nach, was zu einer aktuellen Situation gehört – und was aus alten Erfahrungen noch „mit am Tisch sitzt".

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