Einsam an der Spitze: 6 Fragen, die dir zeigen, warum du dich einsam fühlst
Einsam an der Spitze sein, sich allein fühlen und allein sein ist nicht dasselbe. Klaus (den Namen habe ich geändert) kannte das Gefühl, einsam an der Spitze zu stehen, gut. Er hatte das Unternehmen seines Vaters zehn Jahre lang geführt. Allein.
Nicht weil er es so gewollt hatte, sondern weil es sich so ergeben hatte. Der Vater hatte übergeben, die Geschwister waren andere Wege gegangen, und Klaus stand da mit 45 Mitarbeitenden, einem Auftragsbuch aus dem Stahl- und Metallbau und dem stillen Wunsch, dass sich das irgendwann ändert. Er fühlte sich allein im täglichen Überlebenskampf.
Dann kam Kai (auch dieser Name ist geändert) dazu. Er war der jüngere Bruder, 39 Jahre alt, mit Erfahrung in Vertrieb und Controlling. Klaus war erleichtert. Endlich jemand, der auch Verantwortung übernimmt, dachte er. Endlich jemand, der die Last kennt und mit mir teilt…
Doch gefühlt änderte sich kaum etwas für Klaus. Nur sein Frust wurde von Tag zu Tag größer.
Das Gefühl, mit allem allein zu hängen, blieb. Die Erschöpfung blieb. Das Gefühl, der Einzige zu sein, der wirklich den Überblick hatte, blieb. Dabei saß Kai nur ein Büro weiter.
Was wirklich passiert war
Als Klaus zu mir ins Coaching kam, sprach er zunächst über Kai. Über seine Unerfahrenheit, und darüber, dass er noch nicht den richtigen Blick fürs Operative hatte. Und dass man ihm manche Dinge noch nicht einfach übergeben könne.
Ich hörte zu. Und dann fragte ich: „Wie oft besprichst du größere Entscheidungen mit Kai, bevor du sie triffst?“
Stille.
„Eigentlich… mache ich das meistens selbst. Ich informiere ihn danach.“
Genau wie ich dachte.
Klaus bezog Kai nicht ein – und wunderte sich zugleich darüber, dass er sich allein fühlte. Das klingt paradox. Aber wer zehn Jahre lang allein entschieden hat, hat nicht nur eine Gewohnheit, sondern eine Identität entwickelt. Die Identität dessen, der die Dinge im Griff hat. Der keine Unterstützung braucht. Der vorausdenkt, bevor andere überhaupt die Frage stellen.
Das war für Klaus lange Zeit sehr nützlich gewesen. Aber jetzt wurde es zu seiner Achillesferse.
Muster laufen weiter – auch dann noch, wenn die äußere Situation sich längst verändert hat. Der Bruder war da. Das Angebot zur Zusammenarbeit war da. Aber das alte System im Kopf sagte still und automatisch: Ich mach das allein.
Einsam an der Spitze – warum das auch außerhalb von Familienunternehmen relevant ist
Kennst du das vielleicht auch?
Das Gefühl, mit einer Entscheidung allein zu sein, obwohl es Menschen in deinem Leben gibt, die mitdenken könnten? Die auch gern mithelfen würden, wenn du sie ließest?
Das ist kein Führungsproblem. Das ist ein menschliches Muster. Es entsteht, wenn du sehr früh schon gelernt hast, dich hauptsächlich auf dich selbst zu verlassen. Du fragst nicht, zeigst keine Schwäche. Du denkst, wenn du’s selbst machst, dann weißt du wenigstens, dass es ordentlich gemacht ist.
Eine solche Prägung schützt dich irgendwann, aber sie kostet später auch etwas. Nämlich dann, wenn du eigentlich nicht mehr allein sein müsstest, es aber trotzdem innerlich bleibst.
Genau an diesem Punkt setzt Coaching für Unternehmer:innen an.
Wie du herausfindest, ob du wirklich allein bist – oder es nur so gewohnt bist
Das ist keine einfache Frage. Und sie verdient eine ausführliche Antwort.
Hier sind sechs Fragen, die wirklich helfen – für Unternehmer:innen genauso wie für alle anderen, die dieses Gefühl kennen. Geh offen ran, auch wenn’s vielleicht gar nicht so leicht wird, das ehrlich zu beantworten.
Frage 1: Hast du wirklich gefragt?
„Der hat ja sowieso keine Zeit.“ „Der versteht das noch nicht.“ „Das muss ich selbst entscheiden, das ist zu komplex.“
Wie oft sagst du dir einen dieser Sätze – bevor du überhaupt gefragt hast? Das Muster „ich frage erst gar nicht“ ist die häufigste Form von vermeintlicher Einsamkeit. Nicht weil niemand da wäre – sondern weil du ihn gar nicht einlädst.
Frage 2: Wie gibst du Informationen weiter?
Tust du das aktiv oder nur auf Nachfrage? Das ist ein konkreter Testpunkt. Wer wirklich einbezieht, teilt proaktiv: Kontext, Überlegungen, offene Fragen…
Wer das nicht tut – wer andere nur informiert, wenn sie danach fragen – behält die Kontrolle fest in der Hand, oft ohne es bewusst zu merken. Und wundert sich dann, dass die anderen „nie richtig dabei sind“.
Wie hast du die letzten drei Entscheidungen kommuniziert. Hast du andere einbezogen? Oder hast du sie informiert? Vorher oder nachher?
Frage 3: Wie denkst du über die Personen, die eigentlich helfen könnten?
„Der hat noch nicht genug Erfahrung.“ „Die denkt zu kurzfristig.“ „Die versteht meine Situation nicht wirklich.“ Diese Geschichten klingen nach einer nüchternen Einschätzung. Meistens sind sie aber Schutzgeschichten, die rechtfertigen sollen, warum wir es lieber selbst machen. Die entscheidende Frage ist: Stimmt das wirklich? Oder erzählst du dir diese Geschichte, damit du nicht loslassen musst?
Frage 4: Was passiert in dir, wenn du dir vorstellst, eine Entscheidung wirklich abzugeben?
Stell dir vor, du würdest eine Entscheidung mal komplett abgeben. Nicht delegieren, sondern wirklich abgeben, inklusive des Rechts, es anders zu machen als du. Was passiert in deinem Körper? Erleichterung? Oder ein Zusammenziehen, ein leises Unbehagen, ein „oh nein, das wird nix…“?
Dieses Körpergefühl ist oft der ehrlichste Hinweis. Wenn die bloße Vorstellung des Loslassens Anspannung auslöst, ist das Muster noch aktiv – unabhängig davon, was du darüber denkst.
Frage 5: Woher kennst du dieses Muster?
Das ist vermutlich die wichtigste Frage. Wann bist du zu der Überzeugung gekommen, dass es besser ist, du würdest alles allein machen? Vermutlich war es eine Dynamik in deiner Kindheit. Manchmal bedeutet Stärke in der Familie, keine Schwäche zu zeigen. Manchmal ist es zu frühe Eigenverantwortung, die von den Eltern verlangt und belohnt wurde.Manchmal sind es noch tiefer liegende Strukturen, die keine andere Entwicklungsmöglichkeit zuliesen. Vielleicht eine Zeit, in der du wirklich niemanden hattest…
Solche Erfahrungen lauben dann unterschwellig als Grundwahrheit mit? Das Muster macht Sinn, sobald man entdeckt, wo es herkommt. Und es lässt sich auch leichter lösen, wenn man versteht, wozu es eigentlich mal gedacht war.
Frage 6: Wie reagierst du, wenn jemand dir Hilfe anbietet?
Nimmst du sie an? Oder sagst du „passt schon“ – und machst es dann doch allein? Wer gelernt hat, allein zu funktionieren, hat oft auch gelernt, Hilfe abzuwehren. Manchmal so geschickt, dass es dem Gegenüber gar nicht auffällt. Und manchmal so automatisch, dass man es selbst kaum registriert.
Schau bei der nächsten Gelegenheit mal genauer hin. Was machst du, wenn jemand anbietet mitzudenken?
Was aus Klaus und Kai wurde
Im Coaching arbeiteten wir nicht zuerst an der Zusammenarbeit mit Kai. Ich arbeitete zuerst mit Klaus.
An dem Bild, das er von sich hatte: der, der alles im Griff hat. An der Überzeugung, dass Einbeziehen Kontrollverlust bedeutet. Und an der Frage, was er eigentlich braucht, damit er Kai wirklich einbeziehen kann – nicht in der Theorie, sondern in dem Moment, in dem eine konkrete Entscheidung ansteht.
Das ist keine Kritik an Klaus. Es ist eine Einladung, die ich fast jedem stellen könnte, der lange allein geführt hat.
Denn allein entscheiden ist eine Fähigkeit. Eine, die irgendwann lebensnotwendig war. Aber sie ist keine Tugend für alle Zeiten – und schon gar kein Beweis dafür, dass man tatsächlich allein ist.
Kai war da. Er wartete.
Klaus musste nur lernen, die Tür aufzumachen.
Und du?
Gibt es jemanden in deinem Leben – beruflich oder privat –, den du eigentlich einbeziehen könntest, es aber irgendwie nicht schaffst? Oder erkennst du dich vielleicht in einem der Testpunkte oben wieder?
Falls du selbst gerade eine Übernahme navigierst: Weitere 7 Fragen nach der Übernahme helfen dir, genau solche blinden Flecken früh zu erkennen.
Schreib mir. Ich bin neugierig, was das bei dir auslöst.

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