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Was Wertschätzung
im Unternehmen bewirkt

Nicht geschimpft ist Lob genug – eine für unsere Breitengrade typische Aussage! Da steckt nicht gerade viel Wertschätzung drin. In Amerika zum Beispiel wäre ein solcher deutscher Rauhbart sehr schnell unten durch. Dort herrscht eine völlig andere und viel intensivere Lobkultur vor als hierzulande.

Wertschätzung ist ein menschliches Grundbedürfnis

Wertschätzung bedeutet gesehen zu werden, den eigenen Beitrag gewürdigt zu wissen. Je weniger ein Mensch davon erhält, umso schneller verliert er die Lust, sich zu engagieren. Denn seine Handlungen versickern im Off.

Für Organisationen und Unternehmen ist Wertschätzung deshalb essentiell. Wertschätzung ist der Kitt, der Teams zum Arbeiten bringt und das Engagement der Leute anfacht.

Wertschätzung ist was anderes als Lob

Lob lässt sich nicht direkt mit Wertschätzung gleichsetzen. Denn ein Lob von jemand zu erhalten kommt einer Belohnung gleich. Dahinter steht aber eine Beurteilung der Leistung. Das kann auch mal herablassend oder arrogant wirken. Derjenige, der das Lob ausspricht, steht über dem Gelobten. Schließlich ist er in der Position, die Leistung des anderen zu beurteilen. Oder er fühlt sich zumindest so. Ein Lob stammt aber aus den Konzepten und Erwartungen desjenigen, der lobt. Der Gelobte erfüllt diese Erwartungen in dem Moment. Das ist nett. Aber nicht unbedingt motivierend.

Differenziert loben

Lob kann aber auch völlig unterschiedlich wirken. Je nachdem wie es eingesetzt wird. Lobt man z. B. einen Mitarbeiter für ein gutes Ergebnis, so fällt ein Teil dieses Lobes auf andere Umstände zurück. Umstände, die der Gelobte vielleicht gar nicht selbst beeinflussen kann. So kommt ein gutes Ergebnis durch das Zusammenspiel von vielen Einzelnen oder auch von einer Portion Glück zustande. Das Loben eines guten Ergebnisses bedeutet deshalb immer ein Stück Unkontrollierbarkeit und damit auch Unsicherheit. Der Gelobte kann nicht garantieren, dass er das gute Ergebnis wiederholen kann.

Lobt man jedoch für die Anstrengung und die Ausdauer, die ein Mitarbeiter unternommen hat, um ein gutes Ergebnis zu erzielen oder dazu beizutragen, so kann diese Mitarbeiter*in dieses Lob sich selbst und dem persönlichen Einsatz zuschreiben. Somit kann sie diese Belohnung selbst kontrollieren und das gute Ergebnis jederzeit wiederholen. Sie weiß genau, was sie dafür tun muss. Das erzeugt ein hohes Maß an innerer Sicherheit.

An falscher Stelle kann zu viel Lob andererseits auch Faulheit verursachen oder das Ego aufblasen. Wenn ein Lob unspezifisch kommt wie zum Beispiel „Du bist so super, Du bist einfach der Beste“… dann hinterlässt das leicht ein Gefühl von Allmacht. Es stoppt persönliche Anstrengungen. Eine Führungskraft sollte Lob also sehr klar und bewusst einsetzen, um die von ihr gewünschte Wirkung zu erzeugen.

Wertschätzung ist immer ganzheitlich

Ganz anders wirkt Wertschätzung. Durch Wertschätzung fühlt sich ein Menschen im Ganzen gesehen. Wertschätzung betrifft nicht nur eine einzelne Leistung. Man kann auch dann jemanden schätzen, wenn er gerade Mist gebaut, einen Misserfolg geerntet oder sich negativ verhalten hat. Wertschätzung ist eine innere Haltung. Und als solche ist sie beziehungs- und bindungsfördernd.

Wertschätzung sieht für jeden Einzelnen anders aus

Wie findet man heraus, was die richtige Ausdrucksweise für die eigene Wertschätzung ist? Für jeden Menschen erzeugt etwas anderes das Gefühl, geschätzt zu werden. Wenn der eine sich tatsächlich ein Lob wünscht, möchte der andere vielleicht eine kleine konkrete Aufmerksamkeit. Ein dritter aber wünscht sich womöglich, Zeit zu bekommen, damit er seine Gedanken in Ruhe und ungestört ordnen kann etc.

Wertschätzung kann auf tausend verschiedene Arten ausgedrückt und empfunden werden. Daher ist es auch wesentlich für denjenigen, der Wertschätzung geben möchte, genau zu beobachten und nachzufragen, was beim anderen als solche ankommt. Zirkuläre Fragen aus der Psychotherapie und dem Coaching könnten dabei Klarheit schaffen. „Woran würdest du merken, dass ich dich schätze?“, oder „was muss ich tun, um dir das Gefühl zu geben, geschätzt zu sein?“ wären Beispiele dafür.

Unternehmenskultur lässt sich steuern

Wertschätzung ist nicht nur für gute Beziehungen im privaten Bereich wichtig. Eine ganze Unternehmenskultur und das Miteinander werden durch Wertschätzung geprägt und beeinflusst. Sie bildet die Grundlage für Wohlbefinden und Freude an der Arbeit.

Untersuchungen haben einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem gefühlten Mangel an Wertschätzung und der Höhe des Krankenstandes gezeigt. Die Motivation sinkt in dem Maß, wie gerügt, getadelt und missachtet wird. Mitarbeiter wollen für gute Arbeit gesehen, belohnt und geschätzt werden. Die typisch deutsche Mentalität des Nicht-Tadelns als ausreichendes Lob reicht da nicht.

Mögen die Wirtschaftsunternehmen sich diese Zusammenhänge auf der Zunge zergehen lassen, denn letztendlich hängt der knallharte monetäre Gewinn davon ab.

Das genetische Programm der Schmerzvermeidung

Jeder versucht, Schmerz zu vermeiden und angenehme Gefühle zu erleben. Das ist in der evolutionären Entwicklung unseres menschlichen Gehirns so angelegt. Negative Erfahrungen wie Schmerz, Zurückweisung, Missachtung etc. werden sehr viel intensiver und dauerhafter gespeichert als gute angenehme Erfahrungen. Evolutionär bedingt ist das Glas immer halb leer und nicht halb voll. Das liegt daran, dass das genetische Überlebensprogramm auf Schmerzvermeidung ausgerichtet ist.

Das, was uns unangenehme Gefühle verursacht – und da gehören auch seelische Missempfindungen wie missachtet werden dazu – wird möglichst vermieden. Das ist aus dem Blickwinkel des Urmenschen sehr sinnvoll, denn es sichert das Überleben. In unserer heutigen Kultur bedeutet das aber, dass eine Atmosphäre, die Unwohlsein und Schmerz verursacht, also z. B. eine nicht wertschätzende Atmosphäre, Vermeidungsstrategien triggert und Lustlosigkeit bis hin zu Krankheit und innerer Kündigung nach sich zieht.

Die Wirkung von Wertschätzung auf das menschliche Gehirn

In der Hirnforschung hat man festgestellt, dass eine negative Erfahrung sich fünfmal so tief in das Erinnerungssystem des limbischen Systems im Gehirn einbrennt wie eine positive. Das bedeutet im Klartext, dass ein einziger Tadel fünf Situationen des Lobes gefühlt zerstören kann. Dieses Verhältnis sollten sich Führungskräfte sehr deutlich vor Augen führen, damit sie die Wirkung, die sie bei ihren Mitarbeitern erzeugen, realistisch einschätzen können. Tadel sollte aus dieser Sicht heraus möglichst in Form von wertschätzender und konstruktiver Kritik erfolgen.

Dankbarkeit ist Wertschätzung pur

Der einfachste Weg, Wertschätzung zu zeigen, ist dankbar zu sein. Dankbarkeit als ernst gemeinte innere Haltung und nicht nur als äußerliches Lippenbekenntnis ist eine sehr starke Form, anderen etwas zu geben und sie wahrzunehmen. Dankbarkeit schafft Beziehung und Bindung. Tiefe Dankbarkeit geht immer einher mit Wertschätzung. Diese beiden Haltungen sind wie ein siamesisches Zwillingspaar, das nicht getrennt werden kann. Eine dankbare Haltung berührt, selbst wenn sie nicht sehr geschliffen ausgedrückt wird.

Wertschätzung bringt Unternehmenserfolg

Menschen wollen sich einsetzen und einen guten Beitrag leisten. Auch das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ein Unternehmer, der seine Mitarbeiter schätzt und deren Erfolge würdigt, schafft mit der Zeit eine Atmosphäre, in der gute Beziehungen und Engagement selbstverständlich sind. Das ist der leichteste Weg, Wertschöpfung zu intensivieren, den Krankenstand zu senken und den Erfolg aller zu mehren.

Hanne Demel


Hanne Demel

Hanne Demel arbeitet seit 25 Jahren psychotherapeutisch und als Coach für Unternehmer. Ihr Schwerpunkt sind emotionale Themen. Sie lebt in Zell bei Würzburg.

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