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Unternehmensübergabe -
Wenn der Übergeber seine Rolle neu finden muss

Neulich las ich einen berührenden Artikel über den Trigema-Chef. Ein Mann, der sein Unternehmen über Jahrzehnte geprägt hat, gibt es an Frau und Kinder weiter – und fühlt sich danach wertlos und nutzlos. Er überlebt einen Selbstmordversuch. Das hat viele Menschen bewegt. Zu Recht.

Denn genau das ist bei einer Unternehmensübergabe der Punkt, über den normalerweise sehr selten offen gesprochen wird. Nach außen ist alles geregelt. Die Nachfolge steht. Die Verantwortung ist übergeben. Das Organigramm ist hübsch sortiert. Und dann beginnt bei manchen Übergebern innerlich eine tiefe Krise.

Das liegt daran, dass sie nicht nur ein Unternehmen abgeben. Sondern oft auch ihre Rolle, ihre Bedeutung, ihre tägliche Wirksamkeit und einen großen Teil ihrer Identität.

Über Unternehmensübergabe wird oft so gesprochen, als gehe es vor allem um Verträge, Steuern, Vollmachten und den richtigen Zeitpunkt. Das ist natürlich wichtig. Ohne saubere Regelung funktioniert das nicht.

Aber das eigentliche Drama spielt sich häufig an einer ganz anderen Stelle ab. Nämlich im Inneren des Menschen, der übergibt.

Wer 30, 40 oder 50 Jahre lang aufgebaut, entschieden, getragen und Verantwortung übernommen hat, hört ja nicht einfach innerlich auf, nur weil die Übergabe offiziell vollzogen ist. Der Schreibtisch ist vielleicht geräumt. Das Handy klingelt seltener. Die Entscheidungen treffen jetzt andere. Und plötzlich steht ein Mensch da, der jahrzehntelang gebraucht wurde – und sich fragt, wer er eigentlich noch ist. Mittelpunkt des Unternehmens ist er jedenfalls nicht mehr.

Das ist keine Kleinigkeit. Das ist bei einer Unternehmensübergabe oft der wunde Punkt.

Die meisten Menschen unterschätzen das komplett.

Sie denken bei Unternehmensübergabe zuerst an die Nachfolger. Können sie führen. Sind sie bereit. Haben sie genug Rückgrat. Gute und wichtige Fragen. Klaro.

Aber von der abgebenden Generation wird oft stillschweigend erwartet, dass sie jetzt bitte würdevoll loslassen, sich sinnvoll anderweitig beschäftigen und nicht mehr reinquatschen soll. Am besten ohne schwierige Gefühle und ohne innere Turbulenzen. Aber das ist Lummerland.

Wer ein Unternehmen abgibt, gibt nicht nur Verantwortung ab. Er gibt auch Tagesstruktur, Einfluss, Bedeutung, Selbstverständnis und manchmal sogar den eigenen Lebenssinn mit ab. Und dann wird es wirklich heikel.

Manche ziehen sich auch verletzt zurück. Wut und Enttäuschung auf jemand anders „schützt“ vor der eigenen Leere. Manche mischen sich auch weiter ein, nur jetzt eben vom Rand aus. Offiziell längst raus, inoffiziell immer noch die Nebenregierung. Das ist für die Nachfolger ungefähr so entspannend wie ein Beifahrer, der nicht selbst fährt, aber dauernd reinquatscht oder gar ins Lenkrad greift.

Genau deshalb reicht es nicht, bei einer Unternehmensübergabe nur zu klären, wer übernimmt. Es braucht auch eine Antwort auf die Frage, welche neue Rolle der Abgebende bekommt.

Und zwar nicht pro forma. Sondern wirklich.

Eine gute neue Rolle kann sehr unterschiedlich aussehen. Der eine bleibt Sparringspartner für ausgewählte Themen. Die andere wird Mentorin für Werte, Haltung und Familienkultur. Jemand übernimmt vielleicht Repräsentationsaufgaben oder wirkt punktuell dort mit, wo Erfahrung Gold wert ist. Entscheidend ist nicht das Etikett. Entscheidend ist, dass die Rolle stimmig ist.

Sie sollte dem Abgebenden das Gefühl geben, weiter wirksam und nützlich zu sein. Und sie sollte gleichzeitig den Nachfolgern genug Raum lassen, damit sie wirklich führen können.

Denn genau das ist die Kunst bei einer Unternehmensübergabe. Verbunden bleiben, ohne sich einzumischen. Bedeutung behalten, ohne zu dominieren. Weiter da sein, ohne im Weg zu stehen.

Klingt einfach, ist es aber überhaupt nicht.

In meiner Arbeit mit Familienunternehmen erlebe ich immer wieder, dass viel Energie in die Vorbereitung der Nachfolger geht. Das ist richtig und wichtig, reicht aber oft nicht.

Eine Unternehmensübergabe gelingt erst dann wirklich gut, wenn alle Beteiligten ihren neuen Platz finden. Auch die abgebende Generation.

Deshalb begleite ich nicht nur die Nachfolger, sondern ausdrücklich auch die Übergeber. Und oft alle gemeinsam. Wir schauen miteinander, wie eine neue Rolle aussehen kann, die den Senior oder die Seniorin nicht entwertet und gleichzeitig die Nachfolger nicht einengt. Wir klären unausgesprochene Erwartungen. Wir machen sichtbar, wo alte Muster noch mitregieren. Und wir suchen nach einer Form von weiterer Wirksamkeit, die hilfreich ist, statt zu stören.

Denn viele Schwierigkeiten bei der Unternehmensübergabe entstehen nicht während der rechtlichen Übergabe. Sie entstehen danach, und zwar genau dort, wo Gefühle nicht ausgesprochen, Rollen nicht neu geklärt und Grenzen nicht sauber gezogen worden sind.

Was mich an solchen Geschichten besonders berührt, ist das Tiefere, das „Dahinter“.

Ein Mensch braucht das Gefühl, sinnvoll zu sein. Die meisten Menschen würden das sofort bestätigen. Wir wollen nicht nur funktionieren. Wir wollen spüren, dass wir gebraucht werden, dass wir beitragen, dass unser Dasein Bedeutung hat.

Wenn dieses Gefühl wegbricht, wird es innen schnell leer.

Das zeigt sich bei einer Unternehmensübergabe besonders deutlich. Aber es betrifft nicht nur Unternehmer. Es betrifft uns alle. Zum Beispiel, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Wenn ein Beruf endet. Wenn eine Beziehung oder ein Lebensentwurf in die Binsen geht. Wenn Gesundheit oder Kraft nicht mehr dieselben sind. Wenn eine vertraute Rolle wegfällt.

Dann taucht früher oder später genau diese Frage auf, die man sich nicht so sehr stellt, solange man beschäftigt ist. Wofür bin ich eigentlich da. Wo bin ich hilfreich. Was gibt meinem Leben einen Sinn.

Lebenssinn
  • Wofür stehe ich jeden Tag auf?
  • Wer hat etwas davon, dass es mich gibt?
  • Wie kann ich dafür sorgen, dass andere etwas von meiner Existenz haben?

Wer seinen Sinn nur an eine einzige Rolle bindet, lebt gefährlich. Wer dagegen lernt, sich immer wieder neu auszurichten, bleibt innerlich beweglicher und stabiler.

Eine Unternehmensübergabe ist nicht dann gelungen, wenn der Vertrag unterschrieben ist und alle so tun, als sei jetzt alles wunderbar geregelt.

Sie ist dann gelungen, wenn die Nachfolger wirklich ihren neuen Platz gefunden haben. Wenn der Abgebende seinen Wert fühlen kann. Wenn er – sofern er es möchte – mit seiner Erfahrung bleiben darf, ohne zur Bremse zu werden. Und wenn er sich nicht fühlt, als wäre er ausrangiert worden. Nur dann wird das am Ende kein innerer Absturz, sondern ein neuer, sinnvoller Abschnitt.

Denn es geht nicht nur um die Zukunft des Unternehmens, sondern auch um die Würde desjenigen, der es aufgebaut hat.

Und manchmal ist genau das die schwerste Aufgabe bei einer Unternehmensübergabe. Nicht die Firma zu übergeben, sondern das eigene Leben neu zu sortieren, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Hanne Demel

Hanne Demel ist Coach für Familienunternehmen und begleitet seit 30 Jahren Inhaberfamilien im Mittelstand bei Problemen rund um Nachfolge  und Führung.

Als Diplom-Sozialpädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und ausgebildete Familientherapeutin liegt ihr Schwerpunkt in der Lösung von familiären Konflikten.

Im Blog schreibt sie darüber, wie Rollenunklarheiten und Führungsansprüche zu Verwürfnissen in Familienunternehmen führen können - und wie sich das vermeiden lässt.

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