Karin saß mir gegenüber, Anfang 40, gestandene Unternehmerin. Zusammen mit ihrem Cousin führte sie ein Unternehmen mit rund 20 Mitarbeitenden. Von außen sah alles gut aus: ein gewachsenes Business, zwei Familienmitglieder an der Spitze, die Zahlen stimmten.
Dann erzählte sie mir, dass ihre Intuition ihr schon seit einer Weile etwas ganz anderes sagte. Sie wollte raus. Nicht in ein anderes Unternehmen – sondern in den Verkauf von Produkten im Network-Marketing.
Wow. Ich war ehrlich gesagt überrascht.
Aber während sie von ihrer Intuition erzählte, fiel mir etwas auf
Sie verlor beim Reden ihre Energie. Die Stimme wurde leiser, der Körper saß steif und unbeweglich, die Schultern zogen sich zusammen.
Ähm – so klingt niemand, der einer echten Eingebung folgt. Der seine Intuition sprechen lässt. So klingt jemand, der wegläuft.
Ich habe ihr das gespiegelt. Dann wurde es still im Raum.
Karin wusste sofort, dass es stimmte
Sie wollte weg von ihrem Cousin. Von seiner aufbrausenden Art, von seinem Gepolter. Sie hatte ihn jahrelang ertragen – und im Grunde hatte sie Angst vor ihm. Nur zugeben wollte sie das nicht. Also hatte sie diese Angst als Bauchgefühl verkleidet. Damit ließ sie sich leichter aushalten.
Karin ist danach nicht wiedergekommen. Vermutlich, weil sie befürchtete, ich würde ihr die Idee ausreden. Das ist nicht meine Aufgabe. Allerdings bin ich auch nicht die Richtige, wenn jemand etwas eigentlich gar nicht wissen will.
Warum diese Verwechslung so leicht passiert
Angst und Intuition fühlen sich anfangs erstaunlich ähnlich an. Beide melden sich im Bauch. Beide klingen überzeugend, beide haben scheinbar gute Argumente im Gepäck. Und trotzdem führen sie in völlig unterschiedliche Richtungen.
Kein Wunder, dass so viele Menschen die beiden verwechseln – ich erlebe das im Coaching ständig. Die gute Nachricht: Man kann lernen, sie auseinanderzuhalten.
Für die echte Intuition braucht es nur einen genaueren Blick auf drei Dinge.
Dein Atem
Halte gerade mal kurz inne und spür hin, wenn du an eine anstehende Entscheidung denkst: Wird dein Atem flach? Hältst du ihn beinahe an? Das ist ein Zeichen für Angst.
Bleibt er tief und ruhig, während du über die Sache nachdenkst? Das spricht für Intuition.
Bei Karin war genau das zu beobachten: Ihr Atem wurde beim Sprechen über den Wechsel spürbar knapper, nicht freier.
Deine Energie
Angst macht klein. Du wirst leiser, ziehst dich körperlich zusammen, verlierst an Präsenz im Raum – genau das, was bei Karin passierte, als sie von ihrem angeblichen Bauchgefühl erzählte.
Intuition macht das Gegenteil. Sie macht wach, lebendig, ein Stück weit sogar mutig. Wenn dir eine Idee wirklich entspricht, merkst du das oft daran, dass du dich beim Erzählen davon aufrichtest statt zusammensinkst.
Die Richtung
Und dann ist da noch die Richtung, in die ein Impuls zeigt.
Angst führt in der Regel weg von etwas – weg vom Konflikt, weg vom unangenehmen Gespräch, weg von der Person, die einen auf die Palme bringt. Bei Karin war das der Cousin mit seinem Gepolter.
Intuition führt eher hin zu etwas. Zu einer Aufgabe, einem Menschen, einer Vision, die dich anzieht, nicht weil du fliehst, sondern weil du hinwillst.
Besonders tückisch bei Geschwistern und Gesellschafter-Familien
In Familienunternehmen sehe ich dieses Muster besonders oft – vor allem bei Geschwistern, die gemeinsam führen, oder in Gesellschafter-Familien nach einer Übernahme.
Konflikte unter Familienmitgliedern sind unangenehm. Man kennt sich zu gut, man ist emotional zu eng verbunden, und ein offener Streit fühlt sich oft riskanter an als ein Streit mit einem fremden Geschäftspartner. Also wird die Spannung gern woanders hin verschoben.
Und plötzlich taucht die „geniale Geschäftsidee auf einem völlig anderen Feld“ auf. Oder der „Wunsch nach mehr Selbstständigkeit“. Oder eben, wie bei Karin, der Ruf nach einem kompletten Neuanfang. Alles wirkt wie eine mutige, große Umorientierung – dabei ist es oft nichts weiter als der bequemere Ausweg aus einem ungelösten Konflikt.
Das heißt nicht, dass jede neue Idee eine Flucht ist. Dass jede Intuition aus Angst gespeist wird. Aber es lohnt sich, genau hinzuschauen, bevor man eine ganze Firma, eine Rolle oder eine Beziehung zur Familie aufgibt.
Prüf deine aktuelle Entscheidung
Steht bei dir gerade eine größere Entscheidung an – ein Ausstieg, ein Rollenwechsel, ein Neuanfang? Dann nimm dir einen Moment und frag dich:
- Wie ist mein Atem, wenn ich darüber nachdenke – eng oder frei?
- Werde ich beim Erzählen kleiner oder lebendiger?
- Läuft dieser Impuls von etwas weg – oder auf etwas zu?
Intuition fühlt sich lebendig an, frei und voller positiver Spannung. Sie bringt dich in Bewegung, in der Regel auf etwas hin. Nicht weg davon.
Wenn sich beim Ehrlichsein der bequemere Ausweg zeigt, ist das kein Grund zur Scham. Es ist nur ein Hinweis: Da liegt noch eine Spannung, die sich klären möchte. Und die Erfahrung zeigt: Viele solcher Spannungen lassen sich schneller auflösen, als man denkt.
Genau da setze ich im Coaching an – nicht bei der Oberfläche, sondern bei der Spannung, die wirklich dahintersteckt.
Übrigens: Sobald klar ist, ob gerade Angst oder Intuition spricht, ist die Entscheidung selbst noch längst nicht getroffen. Denn ein stimmiges Gefühl allein reicht selten. Es braucht auch den weiten Blick – auf die Auswirkungen, auf alle Beteiligten, auf das, was diese Entscheidung mittel- und langfristig mit sich bringt. Wie du dir diese Klarheit holst, liest du in Wie du gute Entscheidungen treffen kannst.
Melde dich gern zu einem Kennenlerngespräch. Ich mach das wirklich gern.
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